[qfb]-Beitrag zum CSD in Frankfurt/M 2014

1969, also vor 45 Jahren, haben sich in der Christopher Street in New York queere, trans* und andere marginalisierte Menschen gegen staatliche Willkür und Polizeiterror gewehrt. Sie konnten und wollten die Diskriminierung und gewalttätigen Razzien nicht länger hinnehmen. Seitdem wird jeden Sommer weltweit in Form der CSD- bzw. Pride-Paraden an die Proteste in der Bar „Stonewall Inn“ erinnert und die Beendigung der systematischen Unterdrückung von LGBTQI Menschen gefordert. Dies sollte unserer Meinung nach auch heute noch im Vordergrund stehen.

Die rechtliche Lage ist heute sicherlich eine andere als vor 45 Jahren. Erst seit 20 Jahren stehen in der BRD sexuelle Handlungen zwischen Männern nicht mehr unter Strafe. Der entsprechende § 175 wurde 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Die DDR hatte ihn schon einige Jahre früher abgeschafft. Sexuelle Kontakte zwischen Frauen wurden im Strafgesetz übrigens noch nie erwähnt. Dies suggeriert nicht etwa eine höhere Akzeptanz, sondern vielmehr gesellschaftliche Machtstrukturen, in denen Frauen und deren Sexualität gar nicht erst ernst genommen werden.

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Auch das gesellschaftliche Ansehen queerer Menschen hat sich im Laufe der Jahre verbessert. Trotz gesellschaftlicher und rechtlicher Fortschritte gibt es dennoch nach wie vor massive Probleme, z.B. in der Arbeitswelt. Ein besonderes Problem stellen u.a. kirchliche Träger dar, die nicht dem Diskriminierungsverbot unterliegen, wie es im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) festgehalten ist. Wer nicht nach christlichen Werten lebt, kann aus diesen Berufen völlig legal gekündigt werden, allein deshalb, weil er oder sie nicht heterosexuell lebt. Gerade in Pflegeberufen und sozialen Einrichtungen ist dies ein großes Problem, da es hier kaum staatliche Träger gibt. Im Privatleben verlaufen “Coming Outs” zunehmend problemfreier, auch wenn queere Menschen um das “Coming out” doch nicht herumkommen. Aber auch im privaten Umfeld queerer Menschen gibt es nach wie vor Vorurteile und Diskriminierungen, im Gegensatz zu heterosexuellen Menschen, deren Identität und Sexualität als normal und natürlich gilt.

Seit 2001 können gleichgeschlechtliche Paare ihr Zusammenleben mit einer Eingetragenen Lebenspartner_innen-schaft staatlich „absegnen“ lassen. Wir fragen uns bei der Gelegenheit: Warum sollten wir das wollen? Die Ehe ist ein schrecklich altmodisches Modell, das gut durch andere Konzepte des miteinander Lebens ersetzt werden könnte und ja auch oft schon ersetzt wird. Wir möchten nicht, dass bestimmte Lebensentwürfe mit Prestige und besonderen Rechten ausgestattet sind – in diesem Fall staatlich legitimierte Zweierbeziehungen. Die staatliche Normierung von Beziehung & Ehe und deren Schutzprivilegien sind kritisch zu sehen. Eine monogame Beziehung, bestehend aus zwei Menschen, ist nur einer von vielen möglichen Lebensentwürfen. Jegliche Formen zwischenmenschlicher Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen sollten als gleichwertig betrachtet werden, wenn diese im gegenseitigen Einvernehmen bestehen! Wichtig ist uns in diesem Zusammenhang auch ein reflektierter und kritischer Blick auf die Motive der „Verpartnerung“ bzw. Heirat: Geht es um die Annäherung an gleiche Rechte? Oder um die Anpassung an heterosexuelle Normen und vermeintliche „Normalität”? Oder ist es lediglich ein Akt der Notwendigkeit, um auch rechtlich für gemeinsame Kinder sorgen zu dürfen?

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Ist es generell nicht authentischer und sinnvoller, eigene Ideen und Lebensentwürfe zu gestalten, als den gesellschaftlichen Normen hinterherzurennen oder sich an reaktionären Staaten und Institutionen abzuarbeiten? Gibt es nur die Wohnformen „Pärchen“, „Single“ und „Zweck-WG“? Gibt es nur Ehe und Nicht-Ehe? Warum sollen nicht drei oder mehr Menschen öffentlich beurkundet bekommen, dass sie füreinander sorgen, „in guten wie in schlechten Zeiten” bis dass sie sterben? Warum nicht insgesamt ermöglichen, dass stabile Lebensgemeinschaften mit umfassenden Familien- und Adoptionsrechten ausgestattet werden? Warum sollten wir heiraten oder uns offiziell „verpartnern”, um steuerliche Vergünstigungen zu erhalten? Warum wird das Ehegatten-Splitting nicht zugunsten höherer Gleichstellung komplett abgeschafft?

Aber zurück zum Frankfurter CSD: Wir finden es erstrebenswert, dass sich ein CSD-Motto durch ein ganz eigenes Profil auszeichnet, inklusive eigener politischer Forderungen, Zielsetzungen und Visionen, und sich nicht nur an bestehenden Normen abarbeitet. Die CSD-Mottos der vergangenen Jahre lauteten unter anderem: “Einigkeit und Recht auf Freiheit”, “Eckstein, Eckstein, musst Du noch versteckt sein?” und “habemus homo”. Zwischen Nationalismus, sinnfreien Kinderreimen und dem stumpfen Abarbeiten am Papst finden wir uns ganz sicher nicht wieder. Dieses Jahr lautet das CSD-Motto „Grenzen überwinden – Brücken schlagen“ und versinkt somit vollends in politischer Beliebigkeit.

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Im Übrigen sprechen wir uns auch für die Ausgrenzung aller politischen Parteien und Firmen vom CSD aus, die sich in ihrer Realpolitik nicht mal für die Stärkung der Rechte von queeren Menschen und anderen Marginalisierten stark machen. Die CDU und FDP fahren jedes Jahr mit ihrem Wagen über das Fest als könnten sie damit ihre queer-feindliche Parteipolitik vergessen machen. Aber nicht nur diese Parteien; vor 2 Monaten erst haben im Bundestag nur 5 Abgeordnete von CDU/CSU und SPD für die Gleichbehandlung von eingetragenen Lebenspartner_innen im Adoptionsrecht gestimmt. Das sind 0,99% der Abgeordneten (vgl. queer.de).

Uns geht es nicht nur um Kritik an Realpolitik. Auch in der queeren Szene gibt es Achsen der Ungleichheit und Diskriminierungen wie z.B. Rassismus, Antisemitismus, Ableismus, Sexismus, Homophobie und Trans*pathologisierung. Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ (bzw. mit nicht-weißer Haut) wird immer wieder per se Homophobie unterstellt. In der Lesbenszene werden abwechselnd die zu “weiblichen” Frauen diskriminiert, weil sie angeblich nicht wie Lesben aussehen. Dann werden wieder die “männlichen” Frauen zurechtgewiesen, weil diese doch „gar nicht mehr wie Frauen aussehen“. Bi- und Pansexuellen wird immer wieder unterstellt, sie seien wohl wahllos oder einfach nur verwirrt. Und so weiter. Alles quatsch! Wir möchten uns nicht gegeneinander ausspielen lassen. Auch nicht die “guten” eheschließenden Queers gegen die “schlechten” unangepassten Queers. Wir brauchen queerfeministische Solidarität, um die bestehenden Machtverhältnisse gemeinsam zu bekämpfen und um vielseitige Lebensentwürfe zu ermöglichen.

Unser CSD glittert ohne Grenzen, ist bunt, vielseitig und vor allem solidarisch und politisch. Jegliche Form von Diskriminierung geht uns alle an!

 


Dieser Text ist auch ein Redebeitrag beim Stadtspaziergang des Transuniversalen CSDs am 19. Juli 2014 in Frankfurt am Main. Bei der Lounge und Feier im Hof legen wir unser brandneues Zine und frisch gedruckte Buttons aus.

buttons und zine 2014

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