qfb-Rede zum 8. März 2015

Dies ist die Verschriftlichung der Demorede zum 8. März 2015 in Frankfurt am Main, gehalten von der Gruppe „queerfeministisch Biertrinken“.

Aus unseren verschiedenen Erfahrungswelten haben wir persönliche Berichte zum Thema „Geschlecht und queere Selbstwahrnehmung“ gesammelt, von denen wir euch zwei mit fiktiven Namen, aber realen Ereignissen mitgebracht haben:

Max studiert an der Goethe-Uni und berichtet: Meine Mitstudierenden beschweren sich bei mir, dass ich versuche, sprachlich auf den Unterstrich oder andere Gender-Formen zu achten. Das sei doch unnötig, weil ja die „normale Form“ (also die männliche Form) für alle Menschen stehen würde. Kurz darauf werfen sie mich dann von der Toilette, weil ich scheinbar nicht eindeutig männlich oder weiblich aussehe und ihrer Meinung nach am jeweiligen Ort „falsch“ bin. Der Versuch im Sprechen auszudrücken, dass es nicht nur die männliche Form gibt und der Wunsch, dass auch andere Geschlechter Raum einnehmen dürfen, gehören zusammen. Oft genug wird mir und anderen Menschen aber weder in öffentlichen Toiletten noch in der Sprache noch an anderen Orten Raum zugestanden.

Anna, Auszubildende zur Industriemechanikerin, berichtet: Wenn an der Maschine was nicht funktioniert, heißt es: „War ja klar, bist ja ne Frau.“ Wenn es aber funktioniert oder ich was richtig gut kann, heißt es: „Kein Wunder, bist ja eh ein halber Mann“ oder „ne Kampflesbe“. Aber sehe ich mich selbst als Lesbe? Als Frau? Mein Kollege sieht sich als Mann und mich als Frau. Alles, was gut ist, ist männlich. Alles, was schlecht ist, ist weiblich. Oft ist es so, dass ich aus politischen Gründen das Gefühl habe, das Geschlecht „Frau“ zu repräsentieren und in der Rolle aufwerten zu müssen. Ich möchte zeigen, dass Frauen genauso gut an Maschinen arbeiten können wie Männer – das ist ja schließlich auch so. Auf der anderen Seite identifiziere ich mich aber meist gar nicht mit diesem Geschlecht. Einerseits habe ich also das Gefühl, als Frau für die Mechanikerinnen eine Lanze brechen zu müssen und auch zu wollen, indem ich zeige, wie gut ich in meinem Beruf bin. Andererseits fühle ich mich falsch dabei, weil ich die Schublade der Frau gar nicht möchte.

Das sind nur zwei Beispiele von queeren Menschen, die sich nicht oder nicht immer als weiblich oder männlich definieren und die mit ihren Erfahrungen in bestehende Strukturen nicht reinpassen. Allerdings: „queer“ ist nicht beliebig, und das Nicht-Hineinpassen ist nicht selbstgewählt. „Queer“ darf nicht dazu benutzt werden, sich aus der politischen Verantwortung zu ziehen, gegen Diskriminierung zu kämpfen. In bestimmten Situationen ist es wichtig, bewusst als Frau, Mann oder andere Identitäten aufzutreten, um gegen Diskriminierung vorgehen zu können und diese zu benennen. Aber das Diskriminierungsverhältnis zwischen Männern und Frauen ist, als zweigeschlechtliches begriffen, verkürzt gedacht, denn es beschreibt nicht alle Menschen. Einige von uns finden sich nicht in den zwei Geschlechtern wieder, sondern definieren sich als genderqueer, transgender, oder irgendwo dazwischen oder ganz anders oder gar nicht! Wenn wir uns in Alltagssituationen teilweise als Mann oder Frau, als schwul, bi, lesbisch definieren, hat dies politische Gründe und steht nicht selten im krassen Gegensatz zu unserer eigenen Selbstwahrnehmung.
Bierchen-Comicfigur mit 8. März-Schild

Queere Identitäten haben für uns viel mit dem 8. März zu tun. Die Diskriminierung von Frauen betrifft nämlich nicht nur Frauen, sondern alle Menschen, die nicht als Norm-cis-männlich definiert sind. Und in besonderer Weise trifft das Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen diejenigen, die sich weder als cis-männlich noch als cis-weiblich identifizieren. Genau genommen aber sind alle Menschen eine Verfehlung der Zweigeschlechtlichkeit. Kein Mensch trifft ständig zu 100% eines der beiden Geschlechter-Stereotype. In der gesellschaftlichen Realität werden jedoch nur zwei Geschlechter definiert. Auch wenn wir alle Gender-Verfehlungen und betroffen von Gender-Normen sind, werden wir nicht alle gleichermaßen diskriminiert. Privilegien von Cis-Männern bestehen zum Nachteil von Cis-Frauen. Aber eben nicht nur von Cis-Frauen. Wir müssen verschiedene Ebenen und Mehrfachdiskriminierungen berücksichtigen: von queeren Menschen, von People of Color, Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten, Menschen mit weniger bzw. keinem Kapital, Menschen aus unterschiedlichen Schichten. Und so weiter.

Die Konsequenz aus den beschriebenen Erlebnissen ist für uns, dass Feminismus auch immer verneinen muss, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Einen nur heteronormativen Feminismus lehnen wir deshalb entschieden ab. Diskriminierungen auf Geschlechterebene sind vielfältig, aber letztlich zurückzuführen auf sexistische Strukturen, die uns ständig umgeben und die wir nur gemeinsam bekämpfen können. Gemeinsam. Solidarisch. Für ein selbstbestimmtes und besseres Leben für alle.

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Audioaufnahme der Rede am 8. März 2015 an der Konstablerwache:
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